Investieren in ETFs mittels Value-Averaging

Beabsichtigt man, sein Geld an der Börse anzulegen, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem richtigen Einstiegszeitpunkt. Schließlich investiert niemand gern seine hart erarbeiteten Ersparnisse, nur um diese postwendend wieder dahinschmelzen zu sehen. Doch es ist gerade diese Furcht vor etwaigen Kursverlusten, die viele Anleger zu lange an der Seitenlinie verharren lässt.

Um diesem Dilemma entgegenzuwirken, bedarf es klar definierter Anlageregeln. Diese sollten möglichst konkret vorgeben, wann genau ein Wertpapierkauf zu tätigen ist. Auch meine Anlagestrategie sieht solche Einstiegssignale vor. Dabei greife ich je nach Wertpapierart auf unterschiedliche Ansätze zurück.

Im vorliegenden Artikel möchte ich mich zunächst meinem ETF-Portfolio widmen. Im nächsten Artikel geht es dann um mein Aktien-Portfolio und das diesem zugrunde liegende Bewertungsmodell.






Mein ETF-Portfolio

Das Fundament meiner zweigleisigen Anlagestrategie bildet ein breit diversifiziertes ETF-Portfolio. Dieses soll den globalen Aktienmarkt so gut wie möglich nachbilden. Zu diesem Zweck verfolge ich den von Gerd Kommer vorgestellten BIP-Ansatz. Demzufolge soll das Portfolio ein Abbild des weltweiten Aktienmarktes darstellen, in dem das Gewicht jedes Landes dessen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) widerspiegelt.

Gewichtung gemäß 30/30/30/10-Regel
ETF-Portfolio gemäß 30/30/30/10-Regel

Aus Vereinfachungs- und Kostengründen beschränke ich dabei mich auf vier regionale Indizes, die gemäß der 30/30/30/10-Regel gewichtet werden. Da meine Anlagestrategie vorsieht, monatlich 1.000 Euro in mein ETF-Portfolio zu investieren, entfallen somit je 300 Euro auf den STOXX 600, den MSCI North America und den MSCI Emerging Markets sowie 100 Euro auf den MSCI Asia Pacific.

Warum mich der Cost-Average-Effekt nicht begeistern kann …

Natürlich ließen sich nun einfach vier entsprechende ETF-Sparpläne einrichten. Fast alle Direktbanken haben solche inzwischen im Angebot – oftmals sogar kostenlos. Zudem würde ich so vom sogenannten Cost-Average-Effekt profitieren.

Denn mit Sparplänen investiert man in regelmäßigen Abständen immer wieder den gleichen Betrag. Und da der Kurs jedes ETFs schwankt, erwirbt man so bei niedrigen Kursen mehr Anteile als bei hohen. Verglichen mit einem Anleger, der unabhängig vom Kurs stets dieselbe Anzahl von Anteilen kauft, erzielt man mittels Cost-Averaging also langfristig einen besseren Durchschnittskurs und damit auch eine höhere Rendite.

Mich persönlich hat der Cost-Average-Effekt dennoch nie vollends überzeugen können. Zwar werden im Falle etwaiger Kursrückgänge tatsächlich mehr Anteile vom jeweiligen ETF erworben. Doch durch den festen monatlichen Anlagebetrag können Schwächephasen trotzdem nur in sehr begrenztem Maße ausgenutzt werden.

… und ich stattdessen das Value-Averaging favorisiere

Auf der Suche nach einer passenden Alternative bin ich schließlich auf das sogenannte Value-Averaging gestoßen. Dieses genießt eine weitaus geringere Bekanntheit als das Cost-Averaging, was insbesondere an der etwas komplizierteren Umsetzung liegen mag. Mit geringfügigen Anpassungen lässt sich jedoch auch diese Anlageregel sehr einfach und kostengünstig in die Tat umsetzen.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem Cost- und Value-Averaging besteht dabei in der Häufigkeit der zu tätigenden Nachkäufe. Während beim Cost-Averaging in regelmäßigen Abständen nachgekauft wird, ist dies beim Value-Averaging nicht der Fall. Stattdessen muss nur nachgekauft werden, wenn die Differenz zwischen einem vorab definierten Soll- und dem tatsächlichen Ist-Wert der betreffenden ETF-Position eine vorher definierte Grenze überschritten hat.

So wird beim Value-Averaging bereits vor der ersten Investition festgelegt, wie sich der Wert jeder einzelnen Position im Zeitverlauf entwickeln soll. Dabei finden zwei Variablen Berücksichtigung. Während der absolute Wertzuwachs beschreibt, wie viel man bereit wäre, monatlich zu investieren (in meinem Fall: je 300 Euro in den STOXX 600, MSCI North America und MSCI Emerging Markets sowie 100 Euro in den MSCI Asia Pacific), legt der relative Wertzuwachs fest, welche Rendite man von seinen bereits getätigten Investitionen erwartet (in meinem Fall: 8% pro Jahr). Die nachfolgende Tabelle stellt exemplarisch den geplanten Wertzuwachs meines ETF-Portfolios im ersten Jahr dar.

Monat STOXX 600 MSCI North America MSCI Emerging Markets MSCI Asia Pacific
1 300 300 300 100
2 602 602 602 200.6667
3 906.0133 906.0133 906.0133 302.0044
4 1212.0534 1212.0534 1212.0534 404.0178
5 1520.1338 1520.1338 1520.1338 506.7113
6 1830.2680 1830.2680 1830.2680 610.0893
7 2142.4698 2142.4698 2142.4698 714.1566
8 2456.7529 2456.7529 2456.7529 818.9176
9 2773.1313 2773.1313 2773.1313 924.3771
10 3091.6188 3091.6188 3091.6188 1030.5396
11 3412.2296 3412.2296 3412.2296 1137.4099
12 3734.9778 3734.9778 3734.9778 1244.9926

 

Nachdem die einzelnen Positionen eröffnet wurden, kann die geplante Wertzunahme auf zweierlei Wegen erfolgen. Zunächst wird die Wertentwicklung jeder einzelnen Position beobachtet. Denn solange wie Kurszuwächse mindestens für die geplanten Wertsteigerungen sorgen, muss kein frisches Kapital nachgeschossen werden.

Erst wenn es aufgrund einer unzureichenden Kursentwicklung dazu kommt, dass die Lücke zwischen dem geplanten und tatsächlichen Wert den vorher festgelegten Grenzbetrag überschreitet, muss ein entsprechender Nachkauf getätigt werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Wertentwicklung des Portfolios auch tatsächlich wie geplant eintritt.

Dabei habe ich den Grenzbetrag, ab dem nachgekauft werden muss, auf 500 Euro festgelegt. Ab dieser Höhe lassen sich alle meine ETFs kostenfrei über den Direkthandel der ING-DiBa ordern.





Vor- und Nachteile des Value-Averagings

Die Vorteile des Value-Averagings liegen meines Erachtens klar auf der Hand. Während in anhaltenden Bullenmärkten oftmals für längere Zeit kein Geld nachgeschossen werden muss, da anfallende Kursgewinne bereits für den geplanten Wertzuwachs sorgen, wird in Schwächeperioden stets zu günstigeren Kursen nachgekauft.

Als besonders charmant empfinde ich dabei die Tatsache, dass mittels Value-Averaging vor allem stärkere Kurseinbrüche ausgenutzt werden. Denn je heftiger der Kursrückgang ausfällt, desto öfter muss nachgekauft werden, und dies zu immer niedrigeren Kursen.

Allerdings beinhaltet dieser Umstand auch gleichzeitig den größten Nachteil des Ansatzes. So können bei heftigen Marktkorrekturen durchaus vier- bis fünfstellige Euro-Beträge als Nachschuss erforderlich werden. Dafür darf man sich anschließend jedoch auch darüber freuen, bei absoluten Tiefstständen nachgekauft zu haben.

Value-Averaging in der Praxis

Doch natürlich würde ich mich niemals bloß auf die theoretischen Vorzüge einer Anlageregel verlassen. Daher habe ich Cost- und Value-Averaging einem rigorosen Praxisvergleich unterzogen und beide Ansätze anhand ihrer historischen Performance einander gegenüberstellt.

Zu diesem Zweck habe ich auf die häufig empfohlene ETF-Kombination aus MSCI World (70%) und MSCI Emerging Markets (30%) zurückgegriffen und anheimgestellt, dass jeden Monat 1.000 Euro in das Portfolio investiert wurden (Cost-Averaging) bzw. der Wert des Portfolios um 1.000 Euro im Monat zunehmen sollte (Value-Averaging).

Anlagezeitraum Cost-Averaging Value-Averaging
1995-2017 0.7947 1.1422
2000-2017 0.6483 0.8111
2005-2017 0.3863 0.5083
2010-2017 0.2839 0.3218

 

Wie aus der vorstehenden Tabelle deutlich hervorgeht, hätte das Value-Averaging über alle geprüften Zeiträume hinweg für eine deutliche Überrendite gegenüber dem weit verbreiteteren Cost-Averaging gesorgt. Dabei ist der Renditevorteil umso offensichtlicher, je länger der betrachtete Anlagezeitraum ausfällt.

Eingeschränkt muss an dieser Stelle allerdings darauf hingewiesen werden, dass die aufgezeigte Überrendite auch mit einem höheren Kapitaleinsatz einhergeht. So erweist sich das Value-Averaging in der Praxis als deutlich kapitalintensiver als das Cost-Averaging.

Die nachfolgende Abbildung veranschaulicht nochmals diesen Zusammenhang. So wäre mittels Value-Averaging zwar stets ein größeres Vermögen entstanden (Blasengröße), dafür hätten jedoch unabhängig vom Investitionsbeginn (x-Achse) auch höhere Investitionen getätigt werden müssen (y-Achse).

Cost- vs. Value-Averaging
Cost- vs. Value-Averaging





Fazit

Das eigene Geld an der Börse zu investieren, kann dabei helfen, den Weg zur finanziellen Freiheit massiv zu verkürzen. Doch die Angst davor, zum falschen Zeitpunkt einzusteigen, hält viele Menschen davon ab, ihre Ersparnisse am Aktienmarkt anzulegen. Um diese Hemmschwelle zu senken, existieren diverse Anlageregeln, die konkret vorgeben, wann genau ein Wertpapierkauf zu tätigen ist.

Den verbreitetsten Weg dürften dabei ETF-Sparpläne darstellen, mittels denen regelmäßig ein fixer Sparbetrag in Indexfonds investiert werden kann. Dank des Cost-Average-Effekts lässt sich so langfristig ein beachtliches Vermögen zu niedrigen Durchschnittskursen aufbauen.

Sollte einem an einer noch renditeträchtigeren Alternative gelegen sein, ist auch das Value-Averaging einen Blick wert. Zwar erweist sich dieses als etwas komplizierter und kapitalintensiver als das Cost-Averaging. Verfügt man jedoch über die entsprechenden Rücklagen, weiß das Value-Averaging durch eine deutliche Überrendite zu überzeugen.


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